Von Loen nach Geiranger

Von Loen nach Geiranger

Heute steht eine Bergetappe auf dem Tagesprogramm: Bei unserem „Fjordhopping“ wechseln wir zum nächsten Kapitel und fahren zum legendären Geirangerfjord. Mit Stryn lassen wir sowohl den Nordfjord als auch die nächste größere Stadt hinter uns; vor uns liegt ein malerisches und meist hochgebirgiges, aber auch recht dünn besiedeltes Terrain.

Spiegelglatte Seen

Auch wenn der Tag erneut nicht mit Sonnenschein gesegnet ist, so regnet es wenigstens nicht und es ist windstill. Das wiederum bewirkt, dass die Oberfläche des „Oppstrynsvatnet“ einem riesigen Spiegel gleicht. Fast unwirklich sieht es aus, wenn man von der Straße aus hinaus auf den See blickt, denn durch die Wolkendecke wirken Wiesen und Wälder noch greller grün und werden perfekt auf der Wasseroberfläche gespiegelt.

Oppstrynvatne, Sees in der Kommune Stryn in der norwegischen Provinz Sogn og Fjordane

Der Øvstefoss

Am Ende des Hjelledalen beginnt der Aufstieg zu Strynefjellet. Nach der achten Haarnadelkurve erreicht man einen recht unscheinbaren Halteplatz am Straßenrand. Wer nicht weiß, dass sich hier ein Anhalten lohnt, wird daran vorbeifahren: Ein angelegter, mit einem stählernen Geländer gesicherter Weg schlängelt sich entlang des Hangs in eine kleine Schlucht hinab zum beeindruckenden Wasserfall „Øvstefoss“. Ein kurzer Stopp lohnt hier allemal.

Der Wasserfall Øvstefoss

Skisaison von Mai bis Juli?

Eine Windung später zweigt der Gamle Strynefjellsveg – die alte Passstraße (oder eher Piste, da Schotter) – ab. Die Passstraße selber ist noch nicht komplett freigegeben, aber zumindest der erste Teil. Auf Empfehlung von norwegischen Freunden, statten wir so dem „Stryn Sommerskisenter“ einen Besuch ab. Auch hier macht es anfänglich den Anschein, als führe die Straße geradewegs ins Nirgendwo – allerdings ist sie nicht gerade, sondern kurvig und steil.
Am Ende stehen wir tatsächlich im Juni vor einer kleinen Liftanlage, die sowohl in Betrieb ist, als auch Skifahrer gen Wolkendecke befördert.
Ein Schmunzeln können wir uns nicht verkneifen, als wir im T-Shirt gemeinsam mit einem riesigen Radlader mit aufgerüsteter Schneefräse zwischen zwei vier Meter hohen Schneewänden stehen … Beeindruckend ist in jedem Fall der Aufwand, mit dem diese Infrastruktur erhalten oder Jahr für Jahr aufs Neue reaktiviert wird.

Schneefräse beim Stryn Sommerskisenter

Von Frühling nach Winter in nur viereinhalb Kilometern

Gemächlich rollen wir zwischen den Schneemassen wieder hinunter auf die eigentliche Straße, die den Gamle Strynefjellsveg abgelöst hat und deren Bau erstmals eine ganzjährig befahrbare Verbindung über das Strynfjellet ermöglicht hat. Die Straße verläuft mit stetiger Steigung und davon befinden sich große Anteile in Tunneln. Die Passagen dazwischen zeichnen sich durch eine karge und felsige Umgebung aus, die stellenweise noch mit Schnee bedeckt ist. Als wir den Oppljostunnelen wieder verlassen, finden wir uns in einer Schneelandschaft wieder: geschlossene Schneedecken rechts und links der Straße. Dass sich linksseits ein Bergsee darunter befindet, kann man nur erahnen. Die einzigen Anzeichen für den nahenden Sommer ist, dass der angetaute Schnee in Lawinen von den Gipfeln purzelt, um langsam an den Bruchkanten der Eisdecke im See zu versinken.

Gute Aussicht entlang des Fylkesvei 63

Ein Schild am Wegesrand fordert uns zum Abbiegen auf: Geiranger/Trollstigen! Die hier beginnende Fv63 gehört ebenfalls und auch verdient zu den Norwegischen Landschaftsrouten und führt bis nach Åndalsnes an den Romsdalsfjord. Zuerst verläuft sie recht eben entlang zweier Seen (die man sofern sie eisfrei sind auch sieht). Am Ende des zweiten Sees namens „Djupvatnet“ bietet sich die Möglichkeit, nach rechts zum Aussichtspunkt „Dalsnibba“ abzubiegen.

Aussichtspunkt Dalsnibba

Über den „Nibbevegen“ gelangt man mit dem eigenen Fahrzeug auf die knapp 500 Meter höher gelegene Spitze des Berges. Von dort aus kann man nicht nur die umliegenden schneebedeckten Gipfel bestaunen, sondern vor allem auch den Geirangerfjord, der in exakt 7 Kilometern entfernt und 1.500 Metern unterhalb in nordwestlicher Richtung beginnt. Teile der erst 2016 eröffneten Aussichtsplattform ragen über das Felsmassiv hinaus, weshalb Europas’ höchster Straßenaussichtspunkt mit Sicht auf einen Fjord den Beinamen „Geiranger Skywalk“ trägt.

Wir genießen zwar das Privileg, den kompletten Aussichtspunkt für längere Zeit für uns alleine zu beanspruchen, was aber einzig daran liegt, dass es sich während unseres Besuches zuzieht und zu regnen beginnt. Das wiederum stört uns nicht und so genießen wir – fast romantisch – die Aussicht und unsere Ferien in Norwegen bei einer Tasse heißen Tee durch die Scheibe des Wohnmobils.

Bei schönem Wetter empfehlen wir, das Fahrzeug an dem leicht unterhalb des Gipfels gelegenen Parkplatz abzustellen und die besondere Aussicht vom angelegten Weg, der bis auf das Plateau führt zu genießen.

Hinab nach Geiranger

Nachdem wir uns satt gesehen haben, wagen wir uns an den „Abstieg“ nach Geiranger. Im zweiten Gang und mit Motorbremse rollt Oscar gemächlich die Serpentinen hinab, bis wir (fast) unten ankommen: für einen Zwischenstopp am „Flydalsjuvet“ muss noch Zeit sein.

Jetzt sind es nur noch wenige Meter, bis wir auf Meereshöhe und am Campingplatz ankommen. Beim Blick zurück auf den Dalsnibba, der sich vor der Wolkendecke empor reckt, erscheint es aberwitzig, gerade von dort oben bis hier hinunter gefahren zu sein.

Als kleine Anmerkung am Rande sei zu erwähnen, dass wer sich auf den Trollstigen freut und glaubt, dass ihm die Strecke fahrerisches Können abverlange, der sollte den letzten Streckenabschnitt bis nach Geiranger erst recht genießen. Der Trollstigen erfreut sich einer großen Bekanntheit als rasante Bergpassage. Allerdings hat die Norwegische Kunst des Straßenbaus noch weitaus spannendere Passagen parat.

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