Die „Goldene Route“: von Geiranger zum Trollstigen

Die „Goldene Route“: von Geiranger zum Trollstigen

Eigentlich handelt es sich beim legendären Geirangerfjord lediglich um den 15 Kilometer langen und östlichsten Seitenarm des Sunnylvsfjord, der wiederum ein Seitenarm des Storfjorden (norwegisch: „großer Fjord“) ist. Doch vermutlich werden die Namen beider Fjorde den wenigsten Touristen ein Begriff sein. Knapp 100 Kilometer Distanz liegen zwischen der Küstenlinie und dem kleinen Ort Geiranger, der dem Fjord den Namen gibt. Was einst die Gletscher während der Eiszeit in den Felsen schürften gehört heutzutage und gemeinsam mit dem Nærøyfjord zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Heimat für Viele

Während heutzutage viele seltene und vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten hier im unwegsamen Gelände eine Heimat finden, war der Mensch hier lange Zeit in der Unterzahl. Sieht man einmal vom neuzeitlichen Tourismus ab, so haben sich auch die wenigen Bauern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein paar unerwartet fruchtbare Hochalmen zu bewirtschaften wieder zurückgezogen. Zurück bleiben Höfe in irrwitzig erscheinender Hanglage, die derweil von Interessengemeinschaften aus kulturhistorischen Gründen erhalten werden und um die sich eine Vielzahl von Geschichten ranken.

Geiranger

Viel los in Geiranger – aber nicht immer!

Geiranger kann zurecht als beschauliches Örtchen bezeichnet werden. In den Wintermonaten leben hier gerade einmal 250 Einwohner. Der Schiffsverkehr ruht zu groß ist die Gefahr der hohen Wellen, die durch abgehende Lawinen in den Fjord verursacht werden. Erst in den Sommermonaten beginnt der Trubel um das Dorf: Nebst den Hurtigruten, die einmal am Tag von Ålesund aus dem letzten Eck des Fjordes einen Besuch abstatten, tun dies auch bis zu 200 Kreuzfahrtschiffe. Bis zu sechs Stück gleichzeitig bekommen die emsigen Lotsen an den Anlegepunkten vertäut, während dazwischen noch die Autofähre nach Hellesylt, die Tenderboote der Kreuzfahrtriesen, Ausflugsboote und private Wasserfahrzeuge herumwuseln.

Gleichfalls tummeln sich kurze Zeit nach dem Anlegen die jeweiligen kreuzfahrenden Touristen im Dorf und mischen sich dort mit Reisenden zu Land. Mit ihnen steigt auch die Zahl der Einwohner auf 2.500 Personen an, die vornehmlich als saisonale Arbeitskräfte versuchen, Ihren Besuchern ein perfektes Fjorderlebnis zu bereiten. Seien es Bustouren zu allen verfügbaren Aussichtspunkten, Fjordsafaris mit dem Schlauchboot, konventionelle Bootstouren, Wanderungen mit und ohne Guide. Neben den bekannten Aktivitäten werden auch Downhilltouren ab Dalsnibba mit dem Mountainbike angeboten, oder aber man kann mit dem zweisitzigen Elektromobil CO2-neutral das Umland auf eigene Faust erkunden. Es herrscht in jedem Fall geschäftiges Treiben.

 

Fjordsightseeing

Zwischen 6 und 700 Metern ist der Fjord tief, zwischen 600 und 1.500 Metern breit und bis zu 2.000 Meter ragen die Bergspitzen aus dem Wasser in den Himmel  wer weder Kraft, noch Muße, noch Zeit besitzt alle „Hotspots“ entlang des Fjordes ehrfürchtig zu Fuß zu erkunden, der kann zum Glück auf andere Hilfsmittel zurückgreifen.
In unserem Fall komprimieren wir unser Fjorderlebnis auf kinderfreundliche 2,5 Stunden und eine Tour mit dem Schnellboot vom Geringer Fjordservice. Bei strahlendem Sonnenschein und stahlblauem Himmel legt das Boot am Kai direkt neben der Touristeninformation ab. Per Audioguide (der selbstverständlich in unterschiedlichen Sprachen angeboten wird) erfährt man alle Details und zum Teil amüsanten Geschichten zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten im Fjord. Gerade die berühmten Wasserfälle „Die Sieben Schwestern“ und „Der Freier“ kann man ausschließlich auf dem Wasserweg gut besuchen. Wir alle genießen die Sonnenstrahlen auf dem Vorderdeck des Bootes, das über das türkisfarbene Wasser hinwegfegt.

In der Mündung in den Sunnylvsfjord wird gewendet und die Rückreise in Richtung Geiranger beginnt. Pünktlich legen wir wieder im Hafenbecken an, wo bereits die nächste Schlange auf das erneute Ablegen des Bootes wartet.

Ruhe kehrt erst am Abend ein, wenn das letzte Kreuzfahrtschiff abgelegt und alles Passagiere mitnimmt und auch der letzte Camper einen Stellplatz für das Mobil auf einem der Campingplätze gefunden hat. Zeit zum Durchatmen für das Dorf und seine Einwohner.

Geirangerfjord von der Wasserseite

 

Adlerkurve

Doch das erleben wir schon nicht mehr: Wir verlassen am frühen Nachmittag Geiranger gen Norden über den „Ørnesvegen“. Über die elf Serpentinen führt die sogenannte „Adlerstraße“, die mit bis zu 10 % Steigung hat und im Winter die einzige Verbindung von Geiranger zur Aussenwelt darstellt. Der oberste Abschnitt der Straße führt durch ein Adlergebiet, daher trägt die elfte Serpentine samt dem Aussichtspunkt den Namen Ørnesvingen“ („Adlerkurve“). Auch wenn wir erst vor 10 Minuten losgefahren sind, wäre es der reinste Frevel, hier nicht auszusteigen. Also werden alle wieder abgeschnallt und flitzen über die Straße. Von hier oben genießen wir eine atemberaubende Aussicht auf den Fjord und das gerade wieder auslaufende Schiff der Hurtigruten, das für Lani wie Spielzeug aussieht. Ebenso hat man hier eine der wenigen Möglichkeiten, die „Sieben Schwestern“ und das Berggehöft Knivsflå  wenn auch nur in Ferne, dafür aber ohne Schiff  zu sehen.

Im weiteren Verlauf der Fv63 passieren wir zunächst die Fähre von Eidsdal nach Linge, um dann nach knapp 20 Kilometern noch einmal am „Gudbrandsjuvet“ einer fünf Meter breiten und bis zu 25 Meter tiefen Klamm anzuhalten. Eine stählerne und kunstvoll über die Wasserwege gespannte Brückenkonstruktion lädt zwar (nicht nur) die Kids eher zum Herumflitzen ein, aber sei es drum: allen macht das Toben Spaß!

 

Der Trollstigen unkomplizierter als gedacht!

Durch einsame Landschaften nähern wir uns  noch bei Sonnenschein  dem Trollstigen. Als wir die Passhöhe erreichen, stellen wir fest, dass die Nordseite des Hangs in einem Dunstschleier verhüllt ist, darüber prangt eine geschlossene Wolkendecke. Trotzdem laufen wir bis auf die Aussichtsplattform oberhalb des Stigfossen und genießen die Aussicht.
Als hätte die Sonne doch noch ein Einsehen, kommen noch einmal für ein paar Sekunden ein paar Strahlen durch die Wolken hindurch, bevor sie sich endgültig in den Weg schieben. Grund genug, uns auf den Weg nach unten zu begeben.

Trollstigen, Norwegen

Nur von Mitte Mai bis Ende September ist der Trollstigen witterungsbedingt befahrbar.
Außer Frage steht, dass der Straßenabschnitt seine Berühmtheit aufgrund seiner Schönheit in jedem Fall verdient hat, doch müssen wir zu unserem Erstaunen feststellen, dass wir bereits weitaus aufregendere Passagen in Norwegen gemeistert haben, als diesen vergleichsweise sehr gut und fast durchgängig zweispurig ausgebauten Streckenabschnitt. Nichts desto trotz setzen wir 405 Meter tiefer mindestens ebenso tief beeindruckt unsere Reise nach Åndalsnes fort, wo wir die Nacht auf dem dortigen und gleichnamigen Campingplatz verbringen.

Trollstigen, Norwegen
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