Valdres – Mitten ins Herz

Valdres – Mitten ins Herz

Wer an Norwegen denkt, denkt an Fjorde, Berge und kleine rote Holzhäuschen. Definitiv führt uns der #fjordlinefamilytrip in diesem Jahr durch Regionen, die vielleicht (noch) eher als Geheimtipp gelten. Ecken von Norwegen, die nicht ausführlich in Reiseführern auftauchen, obwohl sie es verdient hätten. Auch wenn man dort weder das Meer trifft, das Land gar nicht so rau ist und die Städte vielleicht nicht ganz so glamourös und geschichtsträchtig wie anderorts sind, aber einen Urlaub in Norwegen Wert sind.
Wir bewegen uns durch eine Region von Norwegen, die der Massentourismus bisweilen noch nicht erschlossen hat. Oder zumindest die Touristenbusse auf ihrem Weg von Bergen nach Oslo nur hindurch rauschen lassen. Alles ist ein bisschen ruhiger, gelassener und vielleicht sogar ein bisschen mehr Norwegen, als man auf den ersten Blick glauben mag.

Auf dem Weg nach Vang

In Garli endet die Landschaftsroute „Valdresflye“, die zweithöchste Passstraße Norwegens. Über den vermeintlich im Sommer verschlafenen Ort Beitostølen, der im Winter zu einem der beliebtesten Wintersportdestinationen in Norwegen anwächst, gleiten wir in Richtung Fagernes ins Tal hinab. Annähernd 800 Höhenmeter bauen wir auf der Länge von knapp fünfzig Straßenkilometern ab, während die Außentemperatur um fast 20°C wieder auf sommerliche Werte ansteigt.

Zu unserer Verwunderung und gleichzeitig großen Freude haben wir eine Einladung nach Vang erhalten. Von Fagernes aus liegt dies etwa weitere fünfzig Kilometer in nordwestlicher Richtung entfernt. Bereits im Vorfeld unserer Reise standen wir mit „Mountains of Norway“ in Kontakt, einem jungen und kleinen Tourismusverband, der die lokalen Tourismusbetriebe im Schatten des Massengeschäfts stärkt. Nur 18.000 Einwohner bevölkern diese kleine und sympathische Region Valdres, im Herzen Südnorwegens. Irgendwie kennt jeder jeden oder kennt zumindest jemanden, der jemanden kennt.

Vang in Valdres – Norwegen

Die Einlandung von Eli

Und so erhielten wir eine E-Mail von Eli – in perfektem Deutsch. Eli wohnt mit ihrem Mann Eivind und ihren beiden fünfjährigen Söhnen Olav und Andris und ein paar Tieren auf einem Bauernhof, den sie gerade als Ferienhof umbauen.

Sie laden uns zu sich ein, ob wir Lust haben, sie und das Leben auf einem norwegischen Bauernhof kennenzulernen. Einfach so. Wir sind überrascht von diesem Grad an Gastfreundschaft und gleichermaßen gespannt.

Von Fagernes aus schlängelt sich die Straße entlang der Ufer von mehreren  Seen, die sich wie an einer Perlenkette aufreihen. An deren Ende weitet sich das Tal und macht Platz für den „Vangsmjøse“. Mit knapp 20 Quadratkilometern Wasserfläche, eingerahmt in bizarre Felsformationen sieht dann doch alles typisch norwegisch aus. Dass es sich beim Inhalt des Sees um Süß- und nicht um Salzwasser handelt spielt dabei keine Rolle. Und da man auch in Norwegen gerne einmal „Fünf gerade sein lässt“, wird der See auch einfach umgangssprachlich „Fjord“ genannt, wie uns Eli später erzählt. Also doch alles beim Alten! Norwegen, wie man es aus dem Reisekatalog kennt? Optisch vielleicht Ja, aber sobald der Motor aus ist und man den ersten Atemzug vor der Tür genommen hat, merkt man direkt, dass hier die Uhren langsamer ticken. Die Supermärkte werden kleiner und die Schwätzchen an den Kassen länger. Man spürt trotz der großen Weite zwischen den Orten und Höfen eine Nähe unter den Menschen, eine größere Naturverbundenheit und ein ausgeprägterer Sinn für das Sein an sich.

Der norwegische Bauernhof – eine herzliche Begrüßung

Der Hof „Ellingbø“ liegt am Hang oberhalb des Ortskernes von Vang. Da hier sogar der Postbote mit Allradantrieb fährt, wurde weiträumig auf Asphalt verzichtet. Trotzdem kommen wir ohne größere Eskapaden auf dem Hof an und was dann passiert, werden wir lange Zeit nicht verstehen.
Eli begrüßt uns in Ihrer Welt, wir umarmen uns und irgendwie fühlt es sich für alle Seiten so an, als ob man sich seit Jahren kennen würde. Wir für unseren Teil können im Bezug auf Norwegen in keiner Weise von einer Sprachbarriere reden, da ja fast alle Norweger jedweder Altersklassen nahezu, ausnahmslos, perfektes Englisch sprechen. Trotz des Wissens, dass in der Schule in Norwegen häufig Deutsch als zweite Fremdsprache unterrichtet wird, ist es für uns in keiner Weise selbstverständlich, dass wir unsere Muttersprache benutzen. Warum Eli diese dann perfekt – fernab der touristischen Hochburgen – spricht, ist schnell geklärt: Sie hat Germanistik studiert und das sogar für drei Semester in Deutschland.

Nichts ist beständiger als der Wandel

Eivind und die Zwillinge haben wir gerade um wenige Minuten verpasst. Sie sind auf dem Weg zum Fußballtraining: Männerausflug – so mit Kühlbox, und so. Vorsichtig tasten sich unsere Mädels an die Spielzeuge und -geräte im Garten heran, während uns Eli den Hof zeigt, der sich seit Generationen im Familienbesitz Ihres Mannes befindet. Doch nun ändert sich einiges. Eli, die bisweilen Geschäftskunden bei der lokalen Sparkasse betreut hat, erzählt uns, dass die Kühe bereits vor mehreren Jahren in einen größeren Stall umgezogen sind. Diesen teilen sie sich mit ihren Artgenossen von drei weiteren Milchbauern, welche sich nun ebenfalls die anfallende Arbeit anteilig aufteilen können. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Bauer den ganzen Tag, von Früh bis Spät, im Stall verbracht hat – ohne Urlaub und Wochenende. Zwischen sieben und acht Tagen pro Monat arbeitet im Schnitt jeder der vier Milchbauern im Stall. Die übrigen Tage kann Eivind auf die Bewirtschaftung der familieneigenen Ackerflächen, seinen zweiten Job beim Rettungsdienst und seine Familie und Freizeit verplanen.

Doch seit dem Auszug der Milchkühe steht auf Hof Ellingbø neben dem alten Bauernhaus auch der Stall leer. Eigentlich viel zu schade, fanden Eli und Eivind.

Aus diesem Grund bauen sie gerade das alte Wohnhaus für Feriengäste um. Und geben so Interessierten die Möglichkeit an ihrem Leben teilzuhaben. Ein richitges Erlebnis für die Familie – Ferien in Norwegen auf eine ganz besondere Art zu machen. In der Zwischenzeit sind im alten Stall wieder neue Mieter eingezogen: zwei Schweine vervollständigen das Bild vom Bauernhof.

Der Rundgang geht weiter

Stilecht fahren unsere Mädels mit Trettraktoren. Wir laufen gemeinsam ein paar Meter oberhalb des Hauses den Hang nach oben, wo sich die Familie einen kleinen Unterstand zum Picknicken gebaut hat. Vom Baum hängt ein Seil am Ast als Schaukel herab. Aus einem Holzbrett, ein paar Klötzchen, Nägeln und einer Schnurr zimmert sich Lani, unter Elis Anleitung, ein Bötchen. Nach Meinung der Konstrukteurin handelt es sich um ein Containerschiff, die kleine Schwester aber findet es ist ein „Kein-Thema-Shiff“.

Der atemberaubend, schöne Ausblick über das Tal und den See zieht uns immer wieder in seinen Bann. Er lässt uns an diesem lauen Sommerabend träumen und unsere Gedanken schweifen, während es um uns herum herrlich still und zeitlos ist.

Uns eröffnet unser Aufenthalt hier eine neue Perspektive auf Bauernhofromantik – „der Milchbauer 2.0“? In jedem Fall erscheint uns dies als ein guter Ansatz für eine ausgeglichene Work-Life-Balance, auf deren Suche sich (gefühlt) jeder in Mitteleuropa zu befinden scheint. Hier ist es so und jeder tut und macht, was er kann und mag. Was man (alles) so macht, scheint gesellschaftlich weit uninteressanter zu sein, als es in Deutschland der Fall ist. Ein Grund, warum man in Norwegen im Normalfall nicht als erstes nach seinem Beruf gefragt wird, denn meist gilt er nur als ein Mittel zum Zweck.

Gemeinsam den Abend ausklingen lassen

Als die drei Jungs vom Training zurück kehren, springen unsere Mädels gerade ausgelassen auf dem Trampolin herum. Aus der Ferne schauen die Kids zu, wie wir Eltern uns begrüßen und uns einander vorstellen. Die anfängliche Scheu verfliegt beim gemeinsamen Auspacken und ausprobieren der kleinen Mitbringsel.

Wir holen all unsere Essensvoräte aus dem Wohnmobil, decken zusammen den Tisch zum Abendbrot und planen den morgigen Tag. Eivind hat Stalldienst, die Jungs dürfen einen Tag Kindergartenurlaub machen und Eli hat Mittwochs frei. Nachdem auch das letzte Kind in den Schlaf gefunden hat, lassen wir Eltern den Abend auf der Terrasse ausklingen.

Der glückliche Hightech-Kuhstall

Am nächsten morgen frühstücken wir zusammen, bevor wir uns – die Kids standesgemäß auf den Trettraktoren – auf den Weg zum Kuhstall machen. Eivind ist bereits seit 6 Uhr bei den Tieren.

Vor Ort angekommen, parken wir sämtliche Kleinfahrzeuge und ziehen uns um. Nur in Overalls und Gummistiefeln dürfen wir den Stall betreten. Und da stehen sie, die knapp 60 Kühe und rund ein Duzend Kälber. Die beiden Jüngsten sind gerade mal eine Woche alt. Wir sind erstaunt über so viel Hightech. Neben einer Kuh-Massage-Anlage gibt es auch einen automatischen Mistschieber und einen computergesteuerten Melkroboter, der jede „Lady“ hier im Stall, mit all ihren Besonderheiten ganz genau kennt. Durch einen Chip weiß er, wann die Kuh zuletzt gemolken wurde, wieviel Milch sie gegeben hat und welche Einstellungen die Melkanlage für sie benötigt. Und das faszinierende daran ist: die Kühe treten freiwillig an den Roboter heran und stehen sogar manchmal ganz brav in einer Schlange davor an. Der Roboter tauscht Milch gegen „Kuh-Leckerlis“ und die Klientinnen der Maschine erachten das offenbar als fair.

Nach unserem Rundgang zeigen uns die beiden Jungs ihre Lieblingskühe. Diese liegen – auch wenn die Jungs auf ihnen herumliegen oder -tollen – völlig entspannt im Stall. Zum Abschluss unseres Stallbesuchs dürfen alle Kinder stilecht zu lauter Rockmusik mit Eivind und den „Foo Fighters“ eine Runde mit dem Traktor durch die umliegenden Felder knattern. Just zum Ende der letzten Runde, rollt der Milchlaster von „Tine“ (die norwegische Genossenschaftsmolkerei, deren Lastzüge auch auf der abgelegensten Schotterpiste trifft) vor den Stall und pumpt knapp 3.000 Liter Milch ab, die die Kühen über die letzten beiden Tage gesammelt haben. Wir stellen fest, dass die Entwicklung in der Landwirtschaft seit unserer Kindheit spurlos an uns vorbeigezogen ist. Aber toll zu sehen, was heutzutage alles möglich ist.

Traktorfahrt mit Eivind auf dem norwegischen Bauernhof

Almromantik

Zu fast jedem Hof gehört im klassischen Sinn eine in den Bergen gelegene Alm dazu. Das Gras ist dort oben um ein Vielfaches hochwertiger, als jenes im Tal. Mit der Qualität des Futters steigt auch der Fettgehalt und die Qualität der Milch. In jedem Fall dahingehend lohnenswert, als dass sich die Strapazen, die Kühe auf den Berg hinauf zu treiben, dort oben die Weiden zu bewirtschaften und die gemolkene Milch wieder hinunter zu bringen, für die Bauern auszahlte. In Zeiten von industriell gefertigtem Kraftfutter stellt dieser Aufwand keine Notwendigkeit mehr dar. Aber ein Stück Tradition und Qualität geht damit verloren.

Es gibt nur noch wenige Bauern, die diese Tradition heute noch leben. Doch in Ellingbø sieht man das anders. Man möchte an dieser Tradition festhalten und sie an die Kinder weitergeben. Eine Stück Land an einem Bergsee – mit zwei Hütten, einem Stall und einem Lokus, ohne Strom, fließend Wasser und Handyempfang. Hier verbringt die Familie die Zeit im Sommer, so oft es geht. Und Jahr für Jahr nimmt die Familie sechs Kühe mit auf den Berg, die hier „urlauben“ dürfen.

Ankunft auf der Alm

Gut eine viertel Stunde dauert die Fahrt über die private Schotterstraße, die bis vor zwei Wochen noch unter Schnee begraben lag. Vom harten Winter gezeichnet, fahren wir im Slalom um die Schlaglöcher, bis wir auf der Sommeralm in Helin ankommen. Wir stehen staunend vor dem kleinen, roten Holzhäuschen und bekommen die Münder kaum zu, so sehr fasziniert sind wir von Ausblick und Stille. Wir atmen die klare Luft ein, lassen die Blicke über den glitzernden See und die noch teilweise verschneiten Bergspitzen gleiten und genießen die Wärme der Sonne auf unserer Haut. Das, was wir sehen, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist wirklich unfassbar schön und wir sind unendlich dankbar. Die Uhren im Tal schienen ja bereits anders zu ticken, aber hier wirkt es als ob sie gänzlich außer Kraft gesetzt sind – zeitlos, einfach Urlaub in Norwegen.

Gemeinsam wecken wir die Alm aus dem Winterschlaf auf. Wir reißen alle Türen und Fenster auf und lassen den Frühling hinein.

Anschließend gehen wir mit den Kindern runter an den See, alle haben ihre Bretterboote dabei, um sie im glasklaren Wasser schwimmen zu lassen. Zu dem Mischmasch aus norwegischen und deutschen Wörtern gesellen sich ein paar laute Jauchzer der Kids, die sich mutig immer weiter in das eiskalten Schmelzwassers hineintrauen. Irgendwie ist das alles sehr surreal: Das erste Bad im See des Jahres und gleichzeitig barfuss durch die letzten Schneereste zu laufen. Der Ausflug wird mit einem BBQ gekrönt, bevor wir in den frühen Abendstunden wieder ins Dorf hinunter fahren.

Zurück auf Hof Ellingbø heißt für uns Abschied nehmen. Mit schwerem Herzen und nur einer leisen Ahnung davon, was die letzten 24 Stunden mit uns gemacht haben, müssen wir uns geradezu vom Hof und seinen Bewohnern losreißen. Diese Begegnung hat uns sehr berührt. Wir fahren beseelt talabwärts bis nach Fagernes, wo wir bereits seit Stunden auf dem gleichnamigen Campingplatz erwartet werden.

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