Der Sognefjord: Der Nordosten – von Lærdal bis Fjærland

Der Sognefjord: Der Nordosten – von Lærdal bis Fjærland

Wer von Flåm weiter nach Norden und nach Lærdal im Sognefjord fahren möchte, hat im Sommer zwei Wege zur Auswahl. Alt oder Neu: die historische und landschaftlich einmalige Passstraße durch (!) ein Schneefeld tritt gegen ein weiteres norwegisches monumentales Rekordbauwerk an. Die Rede ist vom „Aurlandsvegen“ und vom „Lærdalstunnel“.

 

Dem Himmel so nah

Die 48 Kilometer lange Passstraße erreicht, wer in Aurlandsvangen – von Flåm kommend – links abbiegt. Wer glaubt, falsch gefahren zu sein, ist genau richtig: Einmal durch das kleine Örtchen hindurch, führt auf der gegenüberliegenden Seite eine schmale Serpentinenstraße aus dem Dorf hinaus und dem Himmel entgegen. Während sich die Fahrer von Kraftfahrzeugen tunlichst auf die steile Straße mit ihren unzähligen Haarnadelkurven konzentrieren sollten, können Beifahrer und Passagiere während der Auffahrt eine einmalige Aussicht über den Aurlandsfjord genießen.

Auch wenn der Beginn der Straße es nicht vermuten lässt, so endet der erste Streckenabschnitt an einem wohl der bekanntesten und atemberaubensten Aussichtspunkte Norwegens: dem Stegastein. Das einzigartige Bauwerk ragt als Steg 30 Meter über die Bergwand hinaus, bis er sich nach unten in die Tiefe krümmt. Eine Glasscheibe am Ende des Steges relativiert die Waghalsigkeit und versperrt den Weg in die Tiefe. Dafür können auch kleinere Besucher eine fabelhafte Panoramaaussicht über den Aurlandsfjord genießen.

Stegastein: Aussichtpunkt Aurlandsfjord

Der zweite Streckenabschnitt beginnt unmittelbar oberhalb des Parkplatzes des Aussichtspunktes und ist für üblich nur von Juni bis Oktober befahrbar: Bis weit in die Sommermonate hinein dauert es, bis die Schneemassen auf der bis zu 1.309 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Hochebene verschwunden sind, was dem Aurlandsvegen auch den Namen Snøvegen (zu Deutsch Schneestraße, engl. Snow Road) verliehen hat.

In diesem Jahr schaffen es die Schneefräsen erst zum 01. Juni, die Straße durch das Gebirge freizulegen und wir sind zwei Tage zu früh dran, um über den Berg nach Lærdalsøyri zu gelangen.

Aurlandsvegen, Norwegen

 

Der längste Straßentunnel der Welt

Die Alternative heißt „Lærdalstunnel“ und führt seit dem Jahr 2000 unterhalb der Snow Road durch das Bergmassiv hindurch. Mit einer Länge von 24,51 Kilometern ist er der längste Straßentunnel der Welt. Ganz wohl wird es den meisten Menschen dabei sicherlich nicht sein, für eine solch große Distanz unter der Erdoberfläche zu verschwinden – dafür weist der Tunnel aber ein paar Besonderheiten auf. Zum einen wurde der Tunnel mit Absicht mit einer leicht kurvigen Streckenführung versehen, die Fahrer vor Ermüdung schützen soll. Zum anderen weist der Tunnel eine recht unübliche Art der Beleuchtung auf: etwa alle 6 Kilometer wurden insgesamt drei sogenannte „Hallen“ in den Felsen hinein gebaut, die farbig beleuchtet sind und gleichzeitig (Not-)Haltebucht und Fotomotiv sind. Wer in einer der Hallen das Fahrzeug verlassen mag, kann dies dort sicher tun – interessant ist in jedem Fall auch die ohrenbetäubende Geräuschkulisse im Tunnel selber.

Lærdalstunnel – längster Straßentunnel der Welt

 

Kinderträume werden wahr

Und so vergeht tatsächlich die Zeit wie im Flug, bis man auf der anderen Seite und in Lærdal wieder das Tageslicht erblickt. Hier werden wir die kommenden zwei Nächte im „Lærdal Ferie- og Fritidspark“ verbringen. Neben Stellplätzen für Campingfahrzeuge werden ebenfalls Hütten, Appartements und Motelzimmer vom Betreiber angeboten. Und neben Café und Restaurant, Konferenzräumen, Tennisplätzen, einem Kiosk und einem Fahrrad- und Bootsverleih gibt es hier auch noch ein wahres Kleinod für Kinder: Norwegens erster „Motorikkpark“ ist nicht nur ein riesiger Spielplatz, sondern wartet mit vielen Aktivitäten für Klein (von 2 Jahren) und Groß (bis 99) auf: Von Trampolin bis Tretmobil-Rennstrecke gibt es hier allerhand zu bespielen und auszuprobieren.

Camping – Lærdal Ferie- og Fritidspark
Motorikkpark – riesiger Spielplatz mit vielen weiteren Aktivitäten

Die alternative Stadtrundfahrt

Vermutlich könnten Lani und Malu den kompletten Tag auf dem Abenteuerspielplatz herumtollen, aber in Anbetracht des guten Wetters können wir die beiden doch zu einer Stadterkundung der besonderen Art bewegen: neben Fahrrädern vermietet der Ferienpark auch noch Tretmobile in jeder nur erdenklichen Bauart. Wir entscheiden uns für ein viersitziges Modell. Zur Freude unserer Töchter hat der Hersteller mitgedacht, denn hier sitzen Kinder vorne, während Eltern auf den hinteren Plätzen für das Vorankommen schwitzen dürfen.

Und so strampeln wir einträchtig durch das zauberhafte Lærdal und den alten und denkmalgeschützten Ortsteil Gamleøyri, dessen städtebauliches Ensemble als gleichwertig mit denen der Städte Bergen und Gamle Stavanger gilt.

Auf einen Ausflug zur berühmten und nahe gelegenen Stabkirche in Borgund verzichten wir zugunsten zusätzlicher Spielzeit. Wer mehr Zeit hat, dem sei ein Besuch dieses herausragenden Beispiels der norwegischen Stabbaukunst wärmstens empfohlen!

Stadtrundfahrt im Tretmobil – Lærdal, Norwegen

Eis-Zeit!

Am darauffolgenden Tag machen wir uns auf den Weg nach Fjærland, das an einem der nördlichen Seitenarme des Sognefjords liegt. Das Wasser hier schimmert in einem grellen Türkis, dass es fast schon künstlich aussieht. Ist es aber nicht. Doch woher kommt diese Farbgebung? Die Antwort auf die Frage findet man im „Norsk Bremuseum“. Das Gletschermuseum selbst ist kaum zu übersehen: es ist in einem weithin sichtbaren Eyecatcher des norwegischen Star-Architekten Sverre Fehn unweit der Reichsstraße 5 beheimatet. Das Gebäude wird von drei Mammuts bewacht und wenn mal alle Mitarbeiter beschäftigt sind, übernimmt auch gerne mal der Eisbär den Einlass.

Bremuseum – Das Gletschermuseum in Fjærland, Norwegen
Bremuseum und der Eisbär

Das Museum klärt seine Besucher vornehmlich über die norwegische Gletscherlandschaft und den Klimawandel auf. Die Einführung in die Materie übernimmt ein kurzer Film: der in den 1990er Jahren von einem Hubschrauber aus aufgenommene Film wird im Halbkreis projiziert und gewährt so den Besuchern einen besonderen Blickwinkel auf die norwegische Gletscherlandschaft. Zum Glück ist das Filmmaterial bereits ein wenig betagt, denn so kann man recht unbarmherzig die einstigen Dimensionen das rapide klimabedingtes Sterben eines Gletschers wahrnehmen.

Die gesonderte Ausstellung zum Klimawandel verdeutlicht weiterhin, warum es vermutlich in nicht allzu langer Zeit eben keinen Gletscher mehr in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museum geben wird …

Dass Gletschereis im Vergleich zu konventionellem Eis neben der Durchlässigkeit von Wasser noch ein paar weiter besondere Eigenschaften aufweist, kann man an einem Experimentiertisch und mit diversen Versuchsaufbauten selber erleben. Sogar eine Wanderung durch eine (künstliche) Gletscherhöhle kann man unternehmen.

Wir stärken uns noch mit einer unfassbar leckeren und typisch norwegischen Waffel (für Kenner: med rømme og jordbær), bevor wir uns mit den fast zwanzig Jahre alten Bildern aus dem Film im Hinterkopf auf den Weg zum Gletscher machen.

Auf geht es zu den Gletschern

Vom Museum aus sind es etwa 6,5 Kilometer bis zum Supphellebreen oder aber knapp 8 Kilometer bis zum Bøyabreen. Beide sind zwei der insgesamt 28 Auslassgletscher des mächtigen Jostedalsbreen, der mit knapp 500 Quadratkilometern der größte europäische Festlandgletscher ist.

Unterhalb der beiden Gletscherzungen gibt es jeweils Ausflugsparkplätze, am Bøyabreen sogar zusätzlich noch ein Restaurant und Café. Direkt ans Eis gelangt man allerdings nicht: am Supphellebreen ist der Bereich weiträumig abgesperrt, am Bøyabreen hingegen bildet ein Schmelzwassersee eine natürliche Barriere: zu groß ist die Gefahr, von den Eisbrocken der beiden kalbenden Gletscher getroffen zu werden.

Supphellebreen – Auslassgletscher des mächtigen Jostedalsbreen

Wer auf Tuchfühlung mit dem Gletscher gehen möchte, dem seien Touren unter Leitung von erfahrenen Guides ans Herz gelegt. Gletschertouren werden an unterschiedlichen Gletscherzungen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden angeboten. Achtung: mit Kindern bitte auf die Altersbeschränkungen achten. Infos erhält man ebenfalls bei allen Touristeninformationen und beim Gletschermuseum.

Bøyum Camping

Unser Nachtquartier beziehen wir auf dem sympathischen kleinen Campingplatz Bøyum in direkter Nachbarschaft zum Gletschermuseum.

Von hier aus hat man eine hervorragende Ausgangslage, um Tagesausflüge an den Fjord, die Gletscherzungen, in die Berge oder in Norwegens Bücherstadt zu unternehmen.

Die Saison hat noch nicht angefangen und so ist der Platz so gut wie leer. Beim Check-In werden wir sehr freundlich in Empfang genommen. Der Platz wurde schon immer als Familienbetrieb geführt und ist nun vor etwa einem Jahr in die Hände der nächsten Generation übergegangen. Als die Eltern sich zur Ruhe setzten wollten und der Platz verkauft werden sollte, stand fest, dass diese Familiengeschichte ein weiteres Kapitel schreiben soll: ein sechsköpfiges Team aus den Kindern und deren Freunden teilt sich die Arbeit und Dienste auf dem Platz auf und hält so sprichwörtlich die Fahne in Bøyum hoch. Mit der neuen Generation sind auch neue Ideen eingezogen: ein Cafe mit eigener Bäckerei soll auf dem Platz entstehen um so – speziell in den Wintermonaten – ganzjährigen Betrieb zu ermöglichen.

Neben den Stellplätzen gibt es hier ebenfalls die typischen Hyttas und mehrere Zweibettzimmer im Haupthaus.

Bedauerlicherweise haben wir nicht genug Zeit im Gepäck um noch ein Weilchen länger zu bleiben. So heißt es für uns am nächsten Morgen: Auf geht’s zum nächsten Etappenziel. Als wir in den Fjærlandstunnel einfahren lassen wir mit dem Tageslicht auch die Region Sognefjord hinter uns und nehmen Kurs auf den Nordfjord.

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