Randsverk, Jotunheimen und die Valdresflye

Randsverk, Jotunheimen und die Valdresflye

Randsverk

Ein kleines und unscheinbares Dorf. Viele Menschen haben sich hier auf der Hochebene  750 Meter über dem Meeresspiegel  nicht niedergelassen. Nur eine Handvoll Häuser und Höfe füllen das Areal zwischen den Ortsschildern. Es liegt in der Mitte zwischen den Nationalparks „Jotunheimen“, „Rondane“ und „Dovre“ und hat doch etwas Besonderes: die Natur. Klar, wer hier auf der Suche nach einem Freizeitpark oder einem Shopping-Center ist, der ist hier mit großer Sicherheit falsch. Aber verlassen ist es hier ganz und gar nicht.

Der Campingplatz Randsverk

Am Rande der Landschaftsroute Rv51 liegt mit „Randsverk Camping“ der vermeintliche kulturelle Dreh- und Angelpunkt der Siedlung. Das urige Holzhaus am Eingang, nur als Rezeption zu betiteln, wäre gnadenlos untertrieben. Es ist darüberhinaus die zentrale Anlaufstelle im Bergland. Es vereint einen Kiosk (für das schnelle Eis und einen Kaffee zwischendurch), einen kleinen aber gut sortierten Supermarkt und die Touristeninformation unter einem Dach. Im benachbarten Café wird man mit lokalen und internationalen Spezialitäten kulinarisch verwöhnt. Dass man darüberhinaus bei dem geselligen Peter, der gebürtig aus Dänemark stammt, auch noch auf dessen Campingplatz einchecken kann, geht dabei fast unter. Neben Stellplätzen für Wohnmobile und Caravans gibt es noch Hütten in allen erdenklichen Ausstattungsvarianten.

Campingplatz Randsverk, Jotunheimen – Norwegen

Der Campingplatz selbst ist in einem sehr gepflegten Zustand. Das barrierefreie Sanitärgebäude wurde erst kürzlich neu errichtet und bietet eine Vielzahl an kompletten Bädern, die auch für Familien ausreichend Platz bieten. Die gemütliche Küche und der Aufenthaltsraum samt Veranda versprechen gesellige Stunden. Und zwar nicht nur für diejenigen, die ohne eigene Küche reisen. Etwa 120 Campingfahrzeuge finden auf dem weitläufigen und terrassiert angelegten Gelände Platz. Darüberhinaus stehen 15 gemütliche Holzhütten für Urlauber zur Verfügung.

Die gemütlichen Holzhütten auf dem Campingplatz
Die gemütlichen Holzhütten auf dem Campingplatz Randsverk, Norwegen

Wir profitieren bei unserer Ankunft von der Tatsache, dass weder Ferien noch Wochenende ist. Der Stellplatz in unmittelbarer Nähe zum Spielplatz ist fortan belegt. Die Kids genießen es, bei angenehmen 25 Grad ausgiebig auf Trampolin, Schaukel und Rutsche toben zu können. Der von der Rezeption bis zum gegenüberliegenden Ende des Campingplatzes führende asphaltierte Weg, ermöglichte es, endlich einmal nach Herzenslust ein paar Runden mit den Kinder-Rollern über die Straße zu flitzen.

Der Spielplatz auf dem Campingplatz Randsverk, Norwegen
Der Spielplatz auf dem Campingplatz Randsverk, Norwegen

Gegen Mittag statten wir Peter einen Besuch in seiner Rezeption ab. Zwischen anderen Kunden nimmt er sich die Zeit zum Plauschen und so erfahren wir ein paar Details über diesen Ort und wie alles angefangen hat.

Der Platz ist ganzjährig geöffnet und bietet gerade für aktive Urlauber eine Vielzahl an Möglichkeiten. So kann man hier vor Ort auf dem Campingplatz Mountainbikes ausleihen und eine Runde in der Natur drehen. Von Touren für Familien bis hin zu anspruchsvollen Geländefahrten ist alles möglich.

Auch werden wir hier mit Tipps und Empfehlungen für Unternehmungen zu Fuß versorgt. „Da ist für jeden etwas dabei!“ erzählt Peter. Zwischen der 45-minütigen Umrundung des Campingplatzes bis zur neunstündigen Wanderung sind keine Grenzen gesetzt.

Peters Tipp

Zeit mitbringen! Hier und fernab der Haupt-Touristenrouten könne man das erleben, was Norwegen wirklich ausmacht: Entschleunigung und Naturerfahrung!

Ein Spaziergang durch die Natur bei Randsverk, Norwegen
Ein Spaziergang durch die Natur bei Randsverk, Norwegen

Was er damit meint, erfahren wir kurze Zeit später. Bei strahlendem Sonnenschein brechen wir zu einer kleinen Wanderung auf (irgendetwas zwischen der 45-Minuten-Runde und dem 9-Stunden-Trip) und stellen fest, dass wir für diesen Abschnitt unserer Reise mehr Zeit hätten einplanen sollen.

Begeistert düsen die Kinder durch den Wald, beobachten Insekten, spielen am Bach und tollen durch die Wiese. Mit der Möglichkeit, Randverk als Ausgangspunkt für Elchsafaris, Reiten, Bergsee-Angeln, Schneeschuhwanderungen, Wintersport und viele andere Dinge, bietet es sich förmlich an, mehr als (wie wir) nur zwei Nächte hier zu verbringen. Hier wird sicher keine Langeweile aufkommen.

Angetan und schweren Herzens verlassen wir Randsverk über die Rv51 weiter gen Süden. Doch keine sechs Kilometer später motiviert uns bereits das ominiöse „Schleifenquadrat“ mit dem Verweis auf „Ridderspranget“, die Landstraße zu verlassen.

Ridderspranget

Eine schmale (aber befestigte) Straße führt leicht bergab durch den Wald, an dessen Ende sich ein Wanderparkplatz befindet. Beim Aussteigen hört man bereits lautstark tosendes Wasser. Während am Beginn eines kleinen Pfades ein Schild zur Vorsicht mahnt und mit einem kleinen Exkurs in die nordische Mythologie die Sage um diesen Ort wiedergibt.

Nach dieser Sage soll der Ritter Sigvard Kvie aus dem Ort Vang im Valdrestal mit der schönen, zuvor geraubten Braut Skårvangssola mit seinem Pferd an dieser Stelle über den tosenden Fluss Sjoa gesprungen sein. Die Verfolger waren ihnen dicht auf den Fersen und so stieß er den ersten, der ihnen folgte, in diese Schlucht.

Der tosenden Fluss Sjoa, Norwegen
Der tosenden Fluss Sjoa, Norwegen

Binnen von fünf Minuten Fußmarsch erreicht man die Schlucht, durch die sich eine atemberaubende Masse von türkisfarbenen Wasser schlängelt. Keine Frage und egal ob Sage hin oder her: Wer dort hineinplumpsen sollte, sollte mehr als Schwimmen können. In jedem Fall lohnt sich der kleine Abstecher, um dieses beeindruckend gewaltige Schauspiel der Natur zu besichtigen.

Valdresflye

Weiter geht es südwärts. Sanft schlängelt sich die Straße die Hochebene empor, während sich die Landschaft gefühlt hinter jeder Kurve verändert. Der Abschnitt von Hindsæter bis Garli ist unter dem Namen „Valdresflye“ (dt.: „Valdres-Hochebene) bekannt und zählt mit zu den 18 schönsten Landschaftsrouten in Norwegen. Der südliche Teil der Passage ist witterungsbedingt von etwa Dezember bis April nicht befahrbar und geschlossen. Dass die Strecke passierbar ist, wissen wir bereits seit Randsverk. Denn hier gibt ein Schild Auskunft über den Zustand der Straße.

Abgesehen von einzelnen (Ferien-)Häusern und Bergbauernhöfen ist das Gebiet weitestgehend unerschlossen und nicht besiedelt. Alle paar Kilometer halten wir am Straßenrand an und lassen ein paar wenige Fahrzeuge, die hinter uns fahren, überholen. Denn schneller als im Schneckentempo kommen wir nicht vorwärts. Die Schönheit und Vielseitigkeit der Natur verschlägt uns tatsächlich den Atem und wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Erinnert uns gerade die Landschaft noch an Alaska oder den Westen Kanadas, wie man es aus Film und Fernsehen kennt, so sieht es zwei Kurven später schon nach schottischen Highlands aus.

Valdresflye - eine der 18 schönsten Landschaftrouten Norwegens
Valdresflye – eine der 18 schönsten Landschaftrouten Norwegens

Auf der Suche nach Worten

Kurze Zeit später sitzen auf den Vordersitzen zwei Menschen die wild gestikulierend und überschwänglich nach (W)Orten suchen, die das Gesehene beschreiben können oder an welche Orte uns die Landschaft in diesem Moment erinnert. Wir ertappen uns dabei, dass wir an jedem nur erdenklichen und noch so kleinen Wanderparkplatz anhalten und vom ständigen An- und Abschnallen wird die Rückbank bereits ein wenig unwirsch. Am Øvre Sjodalsvatnet machen wir dann einen längeren Stopp für eine kleine Kaffeepause mit einem Eis und kühlen unsere Füße im See ab. Einzig Malu entschließt für sich, dass es warm genug sei, zieht eigenständig ihre Klamotten aus und watschelt in den vom Schmelzwasser der umliegenden Hänge gespeisten See – Ferien in Norwegen wie man sie nur lieben kann.

Füße abkühlen imSee
Füße abkühlen im See

Nachdem wieder alle trocken und warm bzw. abgekühlt sind, setzen wir unsere Fahrt über die Valdresflye fort. Doch erneut kommen wir nicht weit. Wir folgen dem Abzweig in Richtung Gjendesheim und der Stichstraße bis zu ihrem Ende. Hier liegt der bekannte Gjendesee auch wenn er namentlich vermutlich nur wenigen Norwegenurlaubern ein Begriff sein wird. Der See ist Teil eines Fotomotivs, auf dem ein schmaler Berggrat einen türkisen von einem tief-blauen See trennt. Der Gjendesee ist eben jener türkiser (je nach Wetter auch grün schimmernder) See, der auf 984 Meter über dem Meeresspiegel liegt und mit einer Länge von 18 Kilometern weit in den Jotunheimen Nationalpark hineinragt.

Eine der beliebtesten Wanderungen Norwegens

Der manchmal fast schwarz wirkende See wird Bessvatnet genannt, beide trennt der Besseggen(grat), über den bereits der Titelheld „Peer Gynt“ im Schauspiel von Henrik Ibsen mit einem Bock geritten sein will. Funfact: der „Bandet auf dem der Grat verläuft ist 1.604 Meter hoch und tatsächlich stellenweise nur 50 Meter breit und das Bessvatnet auf 1.373 Meter über Seehöhe. Somit liegt es knapp 400 (!) Meter über der Wasserlinie des Gjendesees! Der Damm zwischen zwei vermeintlich gleich hohen aber farblich gänzlich verschiedenen Gewässern ist lediglich eine fotografische Trickserei und eine Frage der Perspektive. Nichts desto trotz ist die etwa neunstündige Tour eine der beliebtesten Wanderungen Norwegens. Sie begeistert Jahr für Jahr bis zu 40.000 Besucher. Auch wenn man die Route nur in eine Richtung gehen und mit dem Gjendebåt ab etwa Mitte Juni jeden Jahres über den Wasserweg ein wenig abkürzen kann, wagen wir uns (dieses Mal noch) nicht, diese Tour mit unseren Kids zu gehen. Wer aber seine etwas älteren Kinder für einen Urlaub in Norwegen begeistern kann, sollte einmal über diese traumhafte Wanderung an einem schönen Sommertag nachdenken.

Der Gjendesee in Norwegen
Der Gjendesee in Norwegen

Die Fahrt geht weiter

Wieder zurück auf der Rv51 geht es weiter bergauf. Die Baumgrenze lassen wir rasch hinter uns. Während wir in der Abendsonne durch die karge Tundralandschaft der Hochebene rollen. Uns wird klar, dass es nicht lange her sein kann und hier noch alles unter tiefem Schnee vergraben lag. Auf 1.389 Meter liegt der höchste Punkt der Valdresflye, danach geht es über eine schnurgerade Abfahrt leicht bergab. Rechts und links ist noch das zu sehen, was wir auf der Sonnenseite vermutet haben: Die letzten Reste des Schnees von letztem Winter.

Die Schneereste vom letzten Winter

Wir gelangen nach Bygdin, das einen recht verschlafenen Eindruck auf uns macht. Zu unserer Verwunderung steht allerdings dort ein großes Ausflugsboot inmitten der Schneelandschaft. Ein wenig skurril sieht es dann doch aus. Aber kurze Zeit später kommt Licht in unser Dunkel. Wir stehen vor einem Stausee, der sich aber vehement dem Frühling an den letzten Tagen im Mai widersetzt und sich weiterhin unter Eis und Schnee versteckt. Es wird noch einen weiteren Monat dauern bis die Eisdecke vollständig geschmolzen sein wird. Dann kann die M/B Bitihorn wieder zu Wasser gelassen werden und Fahrgäste über den 25 Kilometer langen, smaragdgrünen Bygdinsee schippern.

Die M/B Bitihorn im Bygdinsee
Die M/B Bitihorn im Bygdinsee

Ein letzter kurzer Anstieg bis wir wieder in der dichter besiedelten Kommune Beitostølen ankommen. Was früher einst nur in der kalten Jahreszeit als Wintersporteldorado belebt war, ist heutzutage ganzjährig aktiv und ein Ausgangspunkt für viele unterschiedliche Aktivitäten. Die norwegeische Landschaftsroute Valdresflye endet hier und hinter uns liegen die wohl intensivsten und vielfältigsten 49 Straßenkilometer, die wir bis dato befahren haben. Zu unseren Füßen erstreckt sich nun das Valdrestal, das viele unterschiedliche Impressionen und Erlebnisse verspricht – wir sind gespannt …

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