Vestfold, Buskerud und Akershus: (Früh-)Sommer am Oslofjord

Vestfold, Buskerud und Akershus: (Früh-)Sommer am Oslofjord

Wir verlassen die Telemark in Richtung Osten und setzen unsere Reise durch den südöstlichen Zipfel von Norwegen und entlang des Oslofjord fort.

Wie an einer Perlenkette reihen sich in Vestfold die größeren Städte Larvik, Horten, Sandefjord und Tønsberg entlang der Schärenküste auf. Eine Vielzahl vorgelagerte kleinerer und größerer Inseln bieten Schutz vor den Launen des Skagerrak und bilden gleichzeitig die Mündung des Oslofjord, der im Hafen der Hauptstadt endet.

Tønsberg ist geschichtlichen Aufzeichnungen zufolge die älteste Stadt Norwegens. Den Überlieferungen von Snorri Sturluson zu Folge wurde Tunsberg nach der großen Schlacht im Hafrsfjord im Jahre 871 gegründet und ist heute Verwaltungssitz der Kommune Vestfold und ein beliebtes Urlaubsziel in Norwegen nicht zuletzt wegen der stabileren und gemäßigteren Wetterbedingungen im Vergleich zur Westküste.

Furustrand Camping

Vor den Toren der Hafenstadt befindet sich unser heutiges Ziel: „Furustrand Camping“. Die Sonne taucht bereits die Landschaft gleichermaßen wie die Rezeption des kleinen Campingplatzes in ein goldenes Licht, als wir dort ankommen. Wir haben uns ein wenig verspätet, werden aber trotzdem mehr als herzlich von den beiden Schwestern Ina und Maria bei unserer Ankunft begrüßt. Auf den ersten Blick wird uns klar, dass dies ein einmalig schönes Fleckchen zu sein scheint. All unsere im Vorfeld gehegten Erwartungen werden in den ersten Momenten übertroffen.

Wir dürfen Oscar auf einem Platz mit Blick auf den Ringshaugstranda abstellen und gönnen dem Guten eine Verschnaufpause. Gemeinsam mit den beiden Inhaberinnen spazieren wir in der Abendsonne über das Gelände des Campingplatzes und lauschen ihren Erzählungen. Vor 4 Jahren haben die Schwestern den Campingplatz von ihrem Vater übernommen. Die Besonderheit liegt darin, dass er eigentlich Architekt war und der Campingplatz lediglich seine Passion. Beide Dinge sind jedoch ineinander verschmolzen und so trägt der Campingplatz selbst die Handschrift des Architekten, der mit seiner Baukunst eine Hommage an den Schauplatz einer Sage darstellt.

Furustrand Camping in Vestfold
Furustrand Camping in Vestfold

So soll sich etwa um das Jahr 800, als der dänische König Sigurd Ring, nach dem Tod seiner Frau als alter Mann zu einem Opferfest nach Norwegen kam, folgende Geschichte begeben haben. Er lernte Alfsol, die Tochter des Königs von Vendel kennen. Die beiden verliebten sich in einander und schmiedeten Hochzeitspläne. Doch die Brüder der jungen Prinzessin versuchten mit allen Mittel die Liaison zu verhindern. Schlussendlich forderten sie den alten König zum Kampf heraus. Sigurd Ring gelang es die beiden zu besiegen, jedoch hatten sie nichts dem Zufall überlassen und ihre Schwester bereits im Vorfeld vergiftet um in jedem Fall die Ehe zu verhindern. Der Sage nach lud Sigurd die drei Leichen an der Stelle, wo sich heute Furustrand Camping befindet auf ein Schiff und fuhr mit Ihnen auf den Oslofjord hinaus, wo er das Schiff in Brand setzte.

Im Gedenken an diesen geschichtsträchtigen Ort konstruierte der Vater von Maria und Ina auf der Spitze der kleinen Landzunge einen dreigeschossigen Turm, der von zwei Appartements und einer dazugehörigen Dachterrasse einen atemberaubenden Blick über den Oslofjord und den Schiffsverkehr in Richtung Oslo gewährt. Gleichzeitig bildet der Turm den Mittelpunkt eines kleinen Amphitheaters, dessen Bühne sich auf der Rückseite des Turmes befindet. Auf der konzentrischen Tribüne finden bei regelmäßigen Veranstaltungen bis zu 340 Besucher Platz.

Der dreigeschossige Turm

Für Skandinavien typisch findet man auch auf dem Campingplatz in Furustrand die beliebten Hütten. Doch auch hier wäre es weit gefehlt, wenn die Unterkünfte schlichte Holzhäuschen wären. Gemeinsam mit dem Turm bilden 16 runde Hütten die „Sigurd Rings Borg (dt.: Burg)“. Großes Augenmerk lag hier auf dem Design des Ensembles: Die Hütten sind im Stil des Turms gehalten und besitzen allesamt eine runde Grundform. Sie sind ringförmig um einen Innenhof angeordnet und bestechen einzeln mit Wohnkomfort auf 52 Quadratmetern und der Kombination aus Holz und großen Fensterflächen, sowie durch einen traumhaften und individuellen Ausblick.

Darüberhinaus befinden sich auf dem Gelände eine Reihe heller und moderner kleiner Holzhäuser, die an die 300 Jahre andauernde Zugehörigkeit von Tønsberg als Handelskontor der Hanse erinnern: eine komplett verglaste Fassade gewährt sowohl von Wohnzimmer als auch Schlafboden den uneingeschränkten Blick über den Fjord wer benötigt da schon einen Fernseher?

Blick über den Fjord
Blick über den Fjord

Wer mit den eigenen vier Wänden unterwegs ist, braucht sich dennoch nicht hinsichtlich Design und Baukunst vernachlässigt fühlen: neben stilvollen und top-gepflegten Sanitärgebäuden freuen sich nicht nur unsere Kinder über den „kuschelweichen“ Rasen vor dem Wohnmobil und den nur wenige Meter entfernten Strand. Unser Frühstück auf einer der vielen Sitzgarnituren verdient in jedem Fall das Prädikat „Premium“, was jedoch fast ausschließlich an dem liegt, was in unseren Herzen und nicht an dem, was in unseren Bäuchen landet. Ein Ort an den wir noch oft denken werden.

Leider müssen wir auch schon wieder weiterfahren, denn wir möchten gerne zum 17. Mai, dem Norwegischen Nationalfeiertag in Oslo sein. Aber in jedem Fall werden wir noch einmal hier hin zurückkehren. Unserem geplanten nächsten Stopp macht leider eine unerwartet hohes Verkehrsaufkommen in Tønsberg einen Strich durch die Rechnung: das „Verdens Enden“, das „Ende der Welt“ auf der Landzunge südlich von Tønsberg müssen wir leider beim nächsten Mal besuchen  doch wer in Furustrand auf der Suche nach einem Ausflugsziel ist, dem sei dies oder auch ein Besuch im „Slottsfjellsmuseet“ wärmstens empfohlen. Eine Baustelle verstopft heute die Durchgangsstraße und unter diesen Gesichtspunkten würden wir zwei Stunden zu spät zu unserer nächsten Verabredung erscheinen. Der Kurs wird kurzerhand von Süd auf Nord geändert das Ende der Welt muss warten. Klaus wiederum nicht, denn der wartet in seinem Aquarium in Drøbak auf uns.

Das Aquarium von Drøbak

Neben Klaus, wartet auch bereits Hugo, dass Hausmaskottchen in Form eines Steinbeißers auf uns. Beide wohnen hier im Aquarium in Drøbak  Hugo in jedem Fall, Klaus wiederum nur „fast“: Der ehemailige Polizist ist seinem Berufswunsch aus Kindertagen noch einmal nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst nachgegangen, hat das Aquarium gegründet und kümmert sich seither mit sehr viel Liebe und Hingabe um die Meeresbewohner, die bei ihm Unterschlupf gefunden haben. Es ist nicht das größte Aquarium Norwegens aber mit Sicherheit das Charmanteste und in jedem Fall das Einzige in der gesamten Region.

Aquarium in Drøbak
Aquarium in Drøbak

Klaus  die Seele dieses smarten, meeresbiologischen Kleinods führt uns persönlich durch seine heiligen Hallen und erklärt uns geduldig die Eigen- und Besonderheiten der 14 verschiedene Bassins, in denen ausschließlich Unterwassertiere aus dem Oslofjord leben.

Neben Hugo, dem Steinbeißer, leben hier Rochen, Flundern, kleine Haie, ein Octopus sowie Krebse, Krabben, Schnecken, Seesterne und eine Reihe anderer Meerestiere  die meisten von ihnen tragen ebenfalls einen Namen. Darüberhinaus betreibt Klaus ein „Hummerhotel“ und ist unter anderem Geburtshelfer für kleingefleckte Katzenhaie. Auch ein paar nicht sehr gern gesehene Kandidaten werden im Aquarium in Drøbak vorgestellt so zum Beispiel eine eingeschleppte Austernart, die man ab 20 Meter unterhalb der Wasseroberfläche antreffen kann.

Durch die Erklärungen und Geschichten von Klaus bekommt auch das kleinste Becken noch eine ganz persönliche Note und gefühlt lernen wir binnen einer Stunde mehr über die unterschiedlichen Meeresbewohner, als wir es jemals im Biologieunterricht getan haben: Das Seesterne die größten Feinde von Muscheln sind, haben wir ebensowenig gewusst, wie was passiert, wenn beide aufeinandertreffen. Und so setzt Klaus ein paar Seesterne in das Becken der Muscheln, welche sofort mit hektischem Auf- und Zuklappen Schwimmbewegungen erzeugen und so zu flüchten beginnen. Doch bevor den Muscheln etwas widerfährt, setzt Klaus die Seesterne zurück in ihr eigentliches Habitat. Wir dürfen die Eier von Haien und Rochen begutachten und einmal Seeigel und -sterne anfassen. Am Ende gehen die Kinder mit einer Muschel, die Klaus ihnen als Andenken schenkt zurück zu Oscar. Hier findet das Sprichwort „Klein aber fein“ seine volle Bedeutung.

Martin & Malu bestaunen die Meeresbewohner
Martin & Malu bestaunen die Meeresbewohner

Von Drøbak aus unterqueren wir den Oslofjord zum zweiten Mal durch einen Tunnel und steuern den Campingplatz „Ramton“ in Nærsnes an. Neben 300 Saison-Gästen verfügt der Campingplatz auch noch über eine Vielzahl schöner Flächen, die Tagesgästen vorbehalten sind Oscar findet so einen Platz unmittelbar am Strand und wir genießen im Abendrot den lauen Abend vor der Tür und mit Aussicht über den ganzen Fjord bis zum 33 Kilometer entfernten Oslo. Weithin sichtbar reflektiert die Skisprungschanze, die auf dem Hausberg „Holmenkollen“ über der Stadt thront, die untergehende Sonne. In Anbetracht der idyllischen Umgebung mit ihren vielen Wandermöglichkeiten und sogar einem eigenen kleinen Sportboothafen können wir gut verstehen, warum dieser Campingplatz so beliebt ist. Der modern ausgestattete Platz bietet von fast jedem Punkt aus einen Blick aufs Wasser und ist ein optimaler Ausgangspunkt, wen es nicht unbedingt oder zumindest nicht alle Tage in Oslos Innenstadt zieht.

Campingplatz „Ramton“
Campingplatz „Ramton“

Am nächsten Morgen verlassen wir Ramton Camping und fahren nur ein kleines Stückchen weiter ins benachbarte Slemmestad. Hier wartet eine weitere Lerneinheit auf die ganze Familie: Geologie für Anfänger. Das ehemalige Zementwerk hat vielerorts Löcher in die umliegenden Felsen geknabbert  doch dabei kam mehr Geschichte als Beton zu Tage: In den alten Gebäuden der Fabrik finden sich heutzutage andere Einrichtungen ihr Zuhause unter anderem das „Geologisenteret“.

Fossil im Geologiezentrum
Fossil im Geologiezentrum

Vormals mit in der örtlichen Bücherei untergebracht, bildet es den Dreh- und Angelpunkt um eine „geologische Schnitzeljagd“ durch die Kommune. Im Geologiezentrum erhalten kleine und großen Geologen von morgen einen Einstieg in die Materie sowie die notwendige Ausrüstung, um selbst auf die Suche nach Fossilien zu gehen. Liv, die Leiterin der Bibliothek erklärt uns geduldig das „Spiel“ und die Idee dahinter und stellt uns darüber hinaus Maximo vor, der in einer kleinen Werkstatt hinter dem Museum für dieses die Fossilien präpariert. Leider müssen wir uns an diesem Tag auf das „Schauen“ beschränken  im besten Fall plant man mehrere Tage Zeit in Slemmestad ein, um alle geologischen Hot-Spots nach Trilobiten und anderen Fossilien zu durchforsten.

1742