„Uschlu“ – Die pulsierende Metropole am Ende des Oslofjords

„Uschlu“ – Die pulsierende Metropole am Ende des Oslofjords

Der gemeinsame Nenner zwischen der norwegischen, englischen und deutschen Sprache ist deren gemeinsamer germanischer Ursprung. Mit ein bisschen Übung lässt sich eine Übersetzung norwegischer Texte für diejenigen herleiten, die der deutschen Sprache mächtig sind. Doch wer mit einem Norweger über dessen Heimat kommunizieren oder gar ernsthaft seine Sprache verstehen oder gar sprechen möchte, der kommt um ein wenig Kenntnis über die Aussprache nicht herum. So spricht man in Norwegen ein „o“ wie ein deutsches „u“ und ein „u“ wie ein „ü“. Das ominöse „ø“ entspricht vage einem „ö“, „æ“ einem „ä“ und ein „å“ wird ungefähr wie ein „o“ gesprochen. Regional abhängig gestaltet sich die Aussprache von „s“ als solches oder als „sch“ – nur um einen kleinen Exkurs zu wagen.* Kurzum: der Name der Hauptstadt wird in der Landessprache tatsächlich „Uschlu“ ausgesprochen (regional aber auch „Uslu“). Die meisten Norweger werden sicherlich eine falsche Aussprache (zumindest ihrer Hauptstadt) verzeihen – zumal der deutsche Name dem Englischen sehr nahe kommt und die Stadt auch erst seit 1925 wieder so heißt: zwischendurch trug sie – exakt 300 Jahre lang – den Namen „Christiania“.

Die Anfahrt in die Metropole Oslo

Wir befahren also – von Slemmestad kommend – das Stadtgebiet von Oslo von Südwesten her. Ändern allerdings kurz darauf unseren Kurs in Richtung des nördlichen Stadtrandes. Ein dichtes Netz aus öffentlichen Verkehrsmitteln gönnt uns und unserem Wohnmobil eine geruhsame Pause vom Fahren. Und so wird der Campingplatz „Bogstad“ – ruhig und gleichzeitig verkehrsgünstig im Randgebiet und unterhalb des „Holmenkollen“ gelegen – Ausgangspunkt unserer bevorstehenden Tagesausflüge in die Innenstadt. Und nicht nur, dass Norwegens größter Campingplatz ganzjährig geöffnet hat, so ist auch dessen Rezeption rund um die Uhr besetzt. Unmittelbar davor befindet sich eine eigene Bushaltestelle, von der aus man (direkt und ohne Umsteigen zu müssen!) in die Innenstadt und wieder zurück fahren kann (Linie 32). Einzig der kleine aber durchaus gutsortierte Supermarkt mit normalem Preisniveau in unmittelbarer Nachbarschaft, rundet mit der Tatsache, dass er als Einziger weit und breit an 365 Tagen im Jahr geöffnet ist, das Campingglück noch weiter zur völligen zeitlichen Ungebundenheit ab. Jedoch erfreut sich der kleine Laden ebenfalls bei Einheimischen großer Beliebtheit. Denn der stets gut gefüllte Parkplatz spricht Bände.

Die Einfahrt zuum Bogstad Camping in Oslo
Die Einfahrt zum Bogstad Camping in Oslo

Der Campingplatz selbst teilt sich in zwei Bereiche. Wer sich nach der Einfahrt eher zu seiner rechten Hand orientiert, findet Sozial- und Küchengebäude, Hütten sowie befestigte Parzellen für Campingfahrzeuge. Wer es gerne naturnäher mag, biegt eher auf die linke Hälfte ab, welche an den Bogstadsee und einen Golfplatz grenzt. Wir suchen uns ein Plätzchen im Grünen, parken „Oscar“ und schon sind wir auf dem Weg in die Innenstadt. Dank dem „Oslo Pass“, der komfortabel und zeitgemäß per gleichnamiger App auf dem Smartphone gebucht werden kann und uns während seiner Laufzeit nahezu alle öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt – egal ob zu Land oder Wasser – ohne gesondertes Entgelt benutzen lässt, sitzen wir kurze Zeit später im Bus zum Rathaus. In vielen Fällen ist übrigens die Bezahlung per App und „Vorkasse“ günstiger. Wer sein Ticket beim Busfahrer löst, kann dies zum einen (eher untypisch) nur bar bezahlen. Und hier zahlt man überdes einen sogenannten „On-Board-Aufschlag“ – und das nicht nur in Oslo.

Eine halbe Stunde später hat der Bus (dank eigener Fahrspur) den ersten ernsthaften Stau, den wir jemals in Norwegen gesehen haben, bewältigt. Kurze Zeit später stehen wir am berühmten „Rådhus“.

Knapp 670.000 Menschen sind in Oslo zuhause. Doch zählt man die angegliederten Städte und Kommunen hinzu, so befinden wir uns quasi auf direkter Tuchfühlung mit knapp einem Drittel des gesamten norwegischen Volkes. Von 5,3 Millionen konzentrieren sich alleine 1,5 Millionen aller Norweger auf die sogenannte Osloregion. Und ein Großteil davon frönt exakt heute den sommerlichen Temperaturen in der Stadt. Es ist der 16. Mai – ein Tag vor dem norwegischen Nationalfeiertag. Wer nicht sonnen, flanieren, Eis-essen oder zumindest mit „sehen-und-gesehen-werden“ beschäftigt ist, steckt in den emsigen Vorbereitungen für den morgigen Festtag mit seinen Paraden und Feierlichkeiten.

Und während an allen Ecken alles liebevoll mit kleinen Norwegen-Fähnchen, rot-weiß-blauen Bändern und Birkenzweigen geschmückt wird, schlendern wir zu Fuß mit einem Abstecher über die Karl Johan Gate an den Hafen hinunter und genießen die fast mediterrane/maritime Stimmung und Ausgelassenheit entlang der Aker Brygge bei einem Eis und Straßenmusik.

17. Mai: Norwegen feiert seine Unabhängigkeit – seit 1814

In den Jahren von 1824 bis 1848 wurde Det kongelige slott als klassizistische Residenz in Christiania erbaut. Eigentümer ist der Staat Norwegen, der es dem König zur Verfügung stellt. Der 22 Hektar große angrenzende Park gehört zwar zum Schloss, Eigentümer ist aber ebenfalls der Staat. Nach dem Motto der Verfassung von 1814 gehört das Land dem Volk – folglich ist es Usus, dass man sich auf den Wiesen des Schlossparks sonnt oder dem Norwegischen Nationalsport – dem „Einweggrillen“ – nachgeht. An diesem Morgen grillt vermutlich jedoch keiner im Park hinter dem Schloss. Heute steht man vor dem Schloss und feiert Norwegens Unabhängigkeit von Dänemark, die exakt am 17. Mai 1814 in Form einer eigenen Verfassung konstituiert wurde.

Nationalfeiertag am Schloss in Oslo
Nationalfeiertag am Schloss in Oslo

Wer jetzt einen verstaubten Feiertag mit Militärparaden und staatlicher Selbstbeweihräucherung erwartet, liegt völlig falsch. Der Nationalfeiertag hat sich in Norwegen zu einem Feiertag für die Kinder etabliert. Die Paraden („Barnetog“, dt. Kinderumzug) werden durch Kindergärten und die Klassen und Jahrgänge der Schulen gebildet, während zwischendurch immer wieder der eine oder andere Spielmannszug oder eine Schulband die musikalische Unterstützung sicherstellt. Einzig in Oslo wird der Zug vom Musikkorps der Streitkräfte geführt. Im letzten Jahr waren wir in Egersund zum Nationalfeiertag – ebenfalls ein Erlebnis.

Im besten Falle trägt man als Norweger (aber nicht ausschließlich) an diesem Tag die „Bunad“. Die traditionelle aber individuelle Festtagstracht, die sich zwar von Region zu Region unterscheidet aber eines gemeinsam hat: Zusammen sind sie bunt!

Wir finden unseren Platz unmittelbar vor dem Schloss. Der Zugang zum Selbigen ist nur mit einem Ticket möglich. Doch dank eines Tipps wissen wir, dass diese kostenlos und ohne Einschränkungen im Vorfeld erworben werden können. Über die Haupt- und Prachtstraße „Karl Johan Gate“ nähert sich der „Barnetog“. Die Schüler unterschiedlicher Klassen begrüßen die auf dem Balkon des Schlosses stehende Königsfamilie jubelnd und mit Fahnen schwenkend. Zwischen den Schulklassen wechseln sich Spielmannszüge, Blaskapellen und Fahnenträger ab. Ein wahres Erlebnis während unseres Urlaubes in Norwegen.

Parade am Nationalfeiertag
Parade am Nationalfeiertag

Eine Gruppe sticht neben den Touristen dennoch aus der festlich gekleideten Masse hervor. In meist roten Latzhosen und Overalls gekleidet, feiern traditionell ab dem 1. Mai die (angehenden) Abiturienten – Russ genannt (gesprochen „Rüss“) – ihre bevorstehende Freiheit. Dass es sich dabei um die Wochen vor ihren Prüfungen handelt, scheint dabei niemanden zu stören. In diesen 17 Tagen herrscht an Norwegens Schulen Ausnahmezustand! Neben der roten, blauen, grünen oder auch schwarzen Latzhose reihen sich einige weitere Merkmale und Bräuche um die Russ. So wird in dieser Zeit systematisch der Unterricht gestört, man bewältigt Mutproben wie Eisbaden, trinkt (über die Maßen) Alkohol (der in Norwegen nicht ohne Grund recht teuer ist) und tut das alles nahezu rund um die Uhr. Höhepunkt dieser inzwischen fast 100 Jahre alten Tradition ist – wie gesagt – der 17. Mai. Denn im Anschluss an den Barnetog findet oftmals der „Russetoget“ statt und bildet so den glänzende Abschluss dieser prägenden und sicher unvergesslichen Zeit. Während die Latzhosenträger sich – zumindest temporär – ihrer gesellschaftlichen Zwänge entledigen, so drückt die restliche Bevölkerung ein Auge zu. Wer also in den späten Abendstunden in der ersten Maihälfte einen entsprechend geschmückten (Reise-) Bus mit lauter Musik in den Straßen antrifft, der sollte dies ebenfalls mit einem Augenzwinkern tun.

Bunt geschmückter Bus zum Nationalfeiertag
Bunt geschmückter Bus zum Nationalfeiertag

Vigeland Skulpturenpark

Unseren Nachmittag verbringen wir im Vigelandsanlegget, die im deutschen Sprachgebrauch fälschlicherweise als „Vigelandpark“ bekannt ist. Dieser bekannte Skulpturenpark ist ein Teil des Frognerparks in Oslo und benannt nach dem norwegischen Bildhauer Gustav Vigeland, der in den Jahren von 1907 bis 1942 sein Lebenswerk aus 212 Stein- und Bronzeskulpturen erschuf und der Stadt Oslo stiftete. Die Skulpturen symbolisieren den Kreislauf des menschlichen Lebens. Unter anderem verarbeitet der Künstler im „Monolitten“ (dt. Monolith) die Entwicklung vom Embryo über das Kleinkind und alle weiteren Lebensstadien, die ein Mensch durchlebt.

Die bekannteste Skulptur stellt wohl eine der Kleinsten dar. Das zornig mit dem Fuß stampfende Kind (Sinnataggen) lässt sich auf einer Vielzahl von Postkarten in den Osloer Souvenirshops wiederfinden.

Trotz der Tatsache, dass unsere beiden Mädels es genießen, zwischen den Skulpturen herumzutollen, wird der Ausgleich zwischen elterlichem und kindlichem Interesse an der Anlage mit einem großen und vielseitigen Abenteuerspielplatz neben dem Eingang zum Park ausgeglichen. So sind Ferien in Norwegen doch einfach nur stressfrei. Die Grünflächen sind – wie üblich – ausdrücklich zum Betreten (und am heutigen Tag auch zum Tanzen) gedacht und während unseres Besuches steigt auch hier an vielen Stellen friedlich der Rauch aus unzähligen Einweggrills auf. Durch und durch ein Feiertag.

Spielplatz am Vigeland Park
Spielplatz am Vigeland Park
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