Hardanger – zwischen verschneiten Bergspitzen und Apfelblüten

Hardanger – zwischen verschneiten Bergspitzen und Apfelblüten

Nationalromantik, Obstbau und Schwerindustrie finden entlang des Hardangerfjords einen gemeinsamen Nenner, den man als Tourist nicht unentdeckt lassen sollte.

Mit Haugesund lassen wir auch den Boknafjord – das südlichste der sechs großen norwegischen Fjordsysteme – hinter uns. Neben vielen kleineren, gliedert sich Fjordnorwegen in fünf weitere große Fjordsysteme. Von Nord nach Süd sind das der Romsdalsfjord, der Storfjord, der Nordfjord, der Sognefjord und zuletzt der Hardangerfjord und eben dieser ist unser nächstes Ziel.

Unser Weg führt uns zunächst am „Langfossen“ vorbei, der mit einer Gesamtfallhöhe von 612 Metern zu den größten der Erde gehört. Durch eine kleine Unterführung gelangt man als Fußgänger sicher unter der E134 hindurch. Unter dem Zutun von leichtem Wind sind wir innerhalb von kürzester Zeit gewaschen und gelüftet: die Gischt des Wasserfalls übernimmt heute sogar den Waschdienst für vorbeifahrende Fahrzeuge.

 

„Mit 612 Metern Fallhöhe gehört der Langfossen zu den größten der Erde“

 

Von Süden her nähern wir uns dann der Region um den Hardangerfjord, doch zuvor erwartet uns als weiteres Highlight der „Låtefossen“. Mit einer Fallhöhe von 165 Metern ist er zwar kleiner als der kurz zuvor besichtigte Langfossen, dafür handelt es sich bei dem hiesigen Exemplar aber um einen Zwillingswasserfall – die Fahrzeugwäsche ist hier ebenfalls inklusive und erfolgt auf der direkt neben der Prallzone verlaufenden Brücke.

 

„Der Låtefossen – Fahrzeugwäsche inklusive“

 

Etwa 20 Kilometer später erreicht man das bis heute vornehmlich industriell geprägte Odda. Vor über 100 Jahren begann die Schwerindustrie, das Bild der Landschaft neu zu zeichnen. Doch 2003 erloschen die Schlote der Schmelze in der Innenstadt wieder und inzwischen hat sich auch der südliche Seitenarm des Hardangerfjords wieder von den Umweltsünden der 1970er Jahre erholt.

„Das ehemalige Odda Smelteverk“

 

Im Ortsteil Tyssedal wurde das ehemalige Wasserkraftwerk Tysso I zum „Norsk Vasskraft- og Industriatadmuseum“ umgebaut und erzählt die Geschichte von Wasserkraft und Schwerindustrie im Hardanger und ist in jedem Fall ein Besuch wert!

Wesentlich länger noch als die Schwerindustrie ist die Tradition des Obstanbaus entlang des Fjords. Genau genommen sind schon bereits seit dem 14. Jahrhundert die hochansteigenden Berghänge des Hardangers mit Obstbäumen gesäumt.

 

„Blühende Apfelbäume vor verschneiten Bergspitzen“

 

Wir haben das Glück, genau mit dem Einsetzen der Apfelblüte dieses landschaftlich reizvolle und traditionsreiche Gebiet um Fjorde, Gletscher und Wasserfälle mit seinen noch schneebedeckten Bergspitzen bereisen zu dürfen, in dem sich seit jeher neben Touristen auch Künstler von der überwältigenden Natur inspirieren lassen. Die pure norwegische Nationalromantik!

Kinsarvik – im Herzen des Hardangers

An der Gabelung des Hardangerfjords liegt Kinsarvik – der Fjord teilt sich oberhalb und gen Osten in den Eidfjord und im Westen nach Süden in den Sørfjord auf. An diesem Punkt erreicht der Fjord auch seine größte Tiefe von 725 Metern.

 

„Unterschiedliche Seitenarme – unterschiedliche Wetter: Sonnenschein über dem Sørfjord, während es im Eidfjord zu regnen scheint“

 

Hier finden wir unsere Bleibe für heute. Evald empfängt uns gut gelaunt im Familienbetrieb „Kinsarvik Camping“. Und zu unserem Erstaunen ist nicht nur Evalds komplette Familie in den liebevoll gestalteten und tiptop sauberen Campingplatz involviert: die Gäste sind fast ausschließlich Familien mit Kindern.

 

„Kinsarvik Camping“

 

Der „Mikkelparken“

Es könnte an der Nachbarschaft liegen, denn der „Mikkelparken“ ist vermutlich jedem, der in Norwegen seine Kindheit verbracht hat, ein Begriff. Jeder von uns kennt diesen einen kleinen Freizeitpark, den man als Kind einmal besucht hat und der spätestens beim erneuten Besuch mit den eigenen Sprösslingen die Erinnerungen daran mit einem wohligen Seufzen ins Bewusstsein ruft – und genau das ist der Mikkelparken in Kinsarvik.

Ein einzigartiges Kleinod und Entertainment für die Kinder ist der Freizeitpark, der sich gode barndomsminner (gute Kindheitserinnerungen) zur Aufgabe gemacht hat.

Zurecht: der Park liegt nur wenige Gehminuten von Evalds Campingplatz entfernt. Mikkel und Mikkeline weben die Geschichte für kleine und größere Kinder um den Park herum, dass einst ein Fuchs ein Paar Schuhe gemopst und irgendwo auf dem Gelände versteckt haben soll.

 

Die Kleinen Kaiser mit Mikkel

 

Trampoline, Minibagger, Klettergerüste, einen Tretbootteich, Autorennstrecken, Bimmelbahn, Reifenrutsche, ein Streichelzoo, Grillhütten, zig Tischgarnituren, diverse kleine Gastronomiestände und nicht zuletzt der große und vielfältige Wasserspielplatz schaffen Abwechslung und Bandbreite.

 

Dazwischen stehen immer wieder Dreiräder und allerhand andere Fahrzeuge frei im Park herum, um wahlweise die (wohlgemerkt kaum vorhandene) Distanz bis zur nächsten Attraktion zu überbrücken oder um einfach so eine Runde durch den Park zu flitzen.

„Malu macht den „Elchtest“

 

Für schlechteres Wetter gibt es sogar zwei riesige Indoor-Spielhallen und ein Theater, aber all das benötigen wir nicht: es ist Ende Mai und wir freuen uns mit allen anderen über die sommerlichen Temperaturen.

In letzter Minute verlassen wir beschwingt den Mikkelparken und bestimmt bleibt nicht nur in den Köpfen unserer Kinder eine gode barndomsminner zurück. Malu hat ihre ganze Kraft im Park zurückgelassen: auf den wenigen Metern bis zum Campingplatz zurück, schläft die kleine Maus auf meinen Schultern sitzend und mit ihrem Kopf auf Meinem liegend ein.

Camping-Spiel-Platz

Im Gegensatz dazu ist Lani kein bisschen müde: ruck-zuck ist sie am Spielen mit den Kindern der Familien, die auf dem Campingplatz um uns herum stehen. Welche Sprache dabei gesprochen wird, ist völlig egal: Hände und Füße werden noch nicht einmal benötigt. Man spielt einfach, jeder spricht seine Sprache aber alle verstehen, was der andere meint. Lachen kann man bekanntlich in allen Sprachen, bei den Eltern bedarf es der englischen Sprache, aber auch wir haben Spaß mit unseren norwegischen Nachbarn. Bestimmt sehen wir uns wieder.

Wir verlassen Kinsarvik Camping am nächsten Tag in Richtung Voss.

 

„Die Hardangerbrua“ kreuzt den Eidfjord

 

Ein architektonisches Meisterwerk im Hardanger stellt die gleichnamige Brücke dar, die mit 1.380 Metern Länge nicht nur Norwegens längste Brücke, sondern auch (derzeit) die zwölftlängste Brücke der Welt ist!

 

„Blick über die Brücke“

 

„Eine Norwegische „Spezialität“: Die Brücke mündet beidseitig in einen Tunnel mit Kreisel“

 

Im Rückspiegel sehen wir das letzte Tageslicht: Tschüß und Danke Hardanger! Traumhaft schön war es bei Dir!

Hinweis: Oddas Ortsteil Tyssedal ist auch Ausgangspunkt für die Wanderung zur berühmten „Trolltunga“, die – wie wir an der Stelle anmerken wollen – in keiner Weise zu unterschätzen oder gar für Kinder geeignet ist! Die kräftezehrende Wanderroute führt ins Hochgebirge und ist nicht ausgebaut! Sie sollte mit ihren 23 Kilometern Länge und über 1.000 Höhenmetern daher ausschließlich geübten und erfahrenen Wanderern vorbehalten sein – egal, wie einzigartig die Fotos auch aussähen mögen!

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